Das Murgtäler Klingele

 

Der Klingel.

In dem schönen Thale der Murg, im Badenschen, liegt eine Viertelstunde über dem Orte Gernsbach eine Kapelle, der Klingel oder finstere Klingel genannt, die lebhaft an Tell's Kapelle am Vierwaldstädter See erinnert.
Nach einer alten Volkssage war ehedem nicht fern davon die Klause eines Einsiedlers. Oft wurde er da im Traume durch ein wunderbar klingendes Bild überrascht, das immer von einer Stelle her zu ihm hin zu schallen schien. Erwachte er, so erhellte jedes Mal ein heiliger Schimmer seine Klause. Begierig, den Grund dieser Erscheinung zu erforschen, spähte er einst im Dickicht des Waldes nach, und siehe, da fand er - das Bild der heiligen Jungfrau mit dem Jesuskinde. Das war ihm ein Wink des Höchsten, die Stelle mit einem Denkmal für eine ferne Nachwelt zu bezeichnen, und da baute er diese Kapelle.

Von frommen Pilgern ward sie zur Stunde besucht, und noch jetzt wandelt man fleißig; denn der wunderthätige Fund ist noch darin zu sehen.

Vor 150 Jahren war hier auch noch eine Einsiedelei, von einem Waldbruder bewohnt.

Kläber, Beschreibung von Baden, 1810. 2r Th. S. 131.

Quelle: Friedrich Gottschalck, Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, Halle 1814

 

 

Soweit der Text aus dem Jahre 1810 - und das Bild vom Murgtäler aus dem Jahre 2004. Mit dem Klingele, wie die Kapelle im Murgtal liebevoll genannt wird hat es auch noch eine andere Bewandtnis. Das Murgtal wurde, heute nicht mehr sosehr, in zwei Regionen aufgeteilt. "Vorrem Klingele un hinerm Klingele". Vor dem Klingele in Gernsbach, Gaggenau und Rastatt, da wohnten die nicht ganz so armen  Murgtäler, weil es da schon früh ein wenig Industrie gab. Aber hinterm Klingele Richtung Forbach und Baiersbronn, da waren die Leute bettelarm, hatten teilweise nicht mal Schuhe an den Füssen. Ausserdem nannte man die Leute hinterm Klingele die Schnitztäler, weil sie sich , vor allem im Winter überwiegend von "Schnitz" ernährten. Schnitz heißt auf hochdeutsch Dörrobst. Die Schnitztäler legten ihr Obst vor allem Äpfel und Birnen in Schnitze geschnitten auf Holzröste in die Sonne und konservierten es auf diese Weise. Dann wurden die Schnitze in Säcke gefüllt. Im Winter gab es dann sehr oft gekochte Schnitz. Als Kind hatte auch ich des öfteren Schnitz in meiner Hosentasche. die waren von meiner Oma und sooooooooooowas von lecker.
Zurück zum Klingele: Das Klingele liegt direkt unterhalb von Schloß Eberstein, dem einzigen murgtäler Grafengeschlecht. Die Ebersteiner hätten nahtlos in unsere heutige Regierung gepaßt. Denn sie waren chronisch pleite und mußten aus diesem Grund sogar die Murgtalmetropole Gernsbach zur Hälfte an die badischen Markgrafen verkaufen. Gernsbach ist die Stadt mit dem halben alten Rathaus. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Da war der Kasimir Kast schuld. Der sagenhaft reiche Murgschiffer, dessen Erben das Geld mit Körben aus dem Kastschen Haus in Hörden trugen und die Murgtäler mit offenen Mäulern zugeguckt haben.

Euer Murgtäler                                                                                 26.11.2004

 

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